September 1 2017

Warum Burnout meist anders verläuft, als man denkt

Burnout Verlauf in 5+1 Phasen

Burnout ist ein Phänomen mit Auswirkungen auf Körper, Seele und Geist, sowohl im Berufs- als auch im Privatleben. Es trifft Männer und Frauen in allen Altersstufen und Berufen. Frauen sind jedoch wesentlich häufiger von Burnout betroffen, wegen der Doppelbelastung von beruflichen und familiären Verpflichtungen.

Eckhart H. Müller berichtet in seinem Buch „Ausgebrannt – Wege aus der Burnout-Krise“, dass Burnout einen schleichenden Verlauf nimmt (manchmal über Jahrzehnte), der durch bestimmte charakteristische
Stadien gekennzeichnet ist. Er plädiert aus seiner Erfahrung heraus für die Beschreibung des Burnout-Prozesses in fünf Phasen. Diese fünf Phasen möchte ich hier für dich erläutern und noch um eine Vorphase ergänzen. Burnout wird im Allgemeinen immer als Resultat von zu viel Arbeit angesehen. Aber Burnout fängt viel früher an und zwar paradoxerweise mit einem hohen Maß an Motivation und Erwartungen an eine Situation.

Phase 0: Vorfreude
‚Das Feuer wird entfacht‘

Bevor man in eine neue Lebensphase eintaucht, gibt es meist eine Zeit der Vorbereitung und Vorfreude. Man geht mit viel Energie und voller Tatendrang an seine neuen Aufgaben. Bereits jetzt hat man viele Hoffnungen und Bilder im Kopf, wie alles einmal sein wird. Man idealisiert den neuen Lebensabschnitt, ohne dass man weiß, was da wirklich auf einen zukommt.

Phase 1: Enthusiasmus / Idealismus
‚Es beginnt feurig‘

Diese Phase stellt die erste Zeit nach dem Eintritt in den Beruf oder in die Familienphase dar. Sie ist geprägt von Idealismus und einem enormen Kraftaufwand, der für die Berufsausübung bzw. das Mama-Dasein gerne aufgewendet wird. Die Energiereserven scheinen dabei unendlich zu sein und man erlebet in seiner Tätigkeit viel Spaß. Gefühle der Unentbehrlichkeit, Wichtigkeit und Sinnerfüllung sind weitverbreitet. Eigene Bedürfnisse geraten in den Hintergrund, was aber auf Grund der Einstiegssituation in den neuen Lebensabschnitt von einem selbst und auch vom Umfeld akzeptiert und als normal angesehen wird.
Man hat kein Gefühl für die eigene Selbstüberschätzung und die eigenen Grenzen und verwendet seine ganze Lebensenergie. Ein Ausrichten der Antenne nach innen, ein Blick auf die eigenen Bedürfnisse, ist kaum möglich. Dazu kommt die Abwertung von Kollegen, um sich selbst besser darstellen zu können, und die Verleugnung der eigenen Bedürfnisse und auch des (möglichen) Burnouts. Immer länger werdende To-Do-Listen, der Eindruck, nie Zeit zu haben und die Verdrängung von Misserfolgen und Enttäuschungen ist kennzeichnend für diese erste Phase. Sie ist sehr verbreitet und die Gefahr für den Einstieg in weitere Phasen des BurnoutProzesses ist gegeben.

Phase 2: Realismus / Pragmatismus
‚Die Flamme brennt‘

Während dieser Phase pegelt sich die einstige Arbeitswut ein, der Reiz des Neuen verblasst, der Leistungsfluss wird ausgewogener und man gewinnt ein Gefühl für den realistischen Leistungsrahmen. Das rechtzeitige ‚Abspringen‘ von Phase 1 und ‚Umschalten‘ auf Normalität ist wichtig, um einen Burnout zu verhindern. Ebenso sind das Achten auf den Energiehaushalt, das Im-Auge-Behalten der realen Machbarkeit, eine realistische Zeitplanung und das Finden der Balance zwischen Enthusiasmus und Pragmatismus bereits wichtige Bur noutPräventionsmaßnahmen.

Phase 3: Stagnation / Überdruss
‚Der Funkenflug wird matter‘

Nun machen sich dann erste Symptome seelischer und körperlicher Beeinträchtigungen bemerkbar. Wenige Erfolge trotz des hohen Einsatzes lassen erste Selbstzweifel aufkommen. Als Reaktion darauf wird der Energieeinsatz aber noch weiter gesteigert, negative Gefühle werden verdrängt, es kommt zur Abwertung von Kunden bzw. Familienangehörigen und zum Rückzug. Die negative Stimmung in Form
von Anspannung, Gereiztheit, Müdigkeit und Erschöpfung überträgt sich auch auf Kollegen bzw. den Partner. Dabei gibt es immer wieder auch Zeiten in denen es besser ist, aber diese sind meist nicht von langer Dauer. Oft ist diese Phase beeinflusst von Veränderungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen, und die Burnout-Gefahr steigt mit der subjektiven Bedeutung des Ereignisses.

Phase 4: Frustration / Depression
‚Arbeiten auf Sparflamme‘

Jetzt setzt sich der Rückzug weiter fort, es gibt nahezu keine Eigeninitiative mehr, und die letzten Energiereserven müssen mobilisiert werden. Widerwilligkeit, Unduldsamkeit, Zynismus und Gleichgültigkeit sind ebenso prägend für diese Phase wie die teilweise berechtigten Schuldzuweisungen. Schuldzuweisungen werden gemacht, um Tatsachen nicht akzeptieren zu müssen; Schuldzuweisungen, die sich gegen sich selbst richten, führen dann zur Depression und Schuldzuweisungen gegen andere äußern sich in Aggressionen, wie Nörgeln, Pessimismus oder Wutausbrüchen. Man fühlt sich ausgenutzt und kann aufkommende Aggressionen nicht mehr neutralisieren. Klagen und Schuldzuweisungen
kultivieren aber die Opferrolle, anstatt Eigeninitiative zur Veränderung von Arbeitsbedingungen zu mobilisieren.
Seelisch-körperliche Beschwerden nehmen zu und führen zur Reduktion auf das Notwendige. Die nachlassende Belastbarkeit zeigt sich in Mutlosigkeit, Selbstmitleid, Wutausbrüchen und der Isolation von den Mitmenschen bzw. im gespannten Verhältnis zu ihnen. Weitere Merkmale des Abbaus: Flüchtigkeitsfehler häufen sich; Vergesslichkeit; Kreativität geht verloren; Dienst nach Vorschrift; unauffällig sein; vereinfachte Denkweisen; weniger Flexibilität; Desorganisation; Entscheidungsunfähigkeit; verringerte Produktivität; gesundheitliche und psychosoziale Belastungen.

Phase 5: Apathie / Verzweiflung
‚Die Glut verlischt‘

Die Bewegungsrichtung dieser Phase ist Stillstand zw. Rückwärts, zu erkennen am absoluten Rückzug. Betroffene sind schwer zugänglich, fast schon apathisch und entwickeln auch einen Widerwillen gegen sich selbst. Minimale Anforderungen können nur noch notdürftig erfüllt werden und therapeutische Hilfe scheint unbedingt notwendig, insbesondere wenn der Betroffene schon Bewältigungsversuche in Form von Suchtverhalten ausprobiert hat. Ernsthafte Erkrankungen, Isolation, Leere, Verzweiflung und Sinnlosigkeit erhöhen die Suizidgefahr. Weitere Merkmale des Burnout-Endstadiums: Chronisches Gefühl der Hoffnungslosigkeit; gefühlte Sinnlosigkeit; konkretere Gedanken an Selbstmord; Versorgungsansprüche werden gestellt.

Ein Ausstieg ist zwar in jeder Phase möglich, jedoch wird er deutlich schwerer und bedarf eines größeren Aufwands, je weiter der Prozess vorangeschritten ist.


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Veröffentlicht1. September 2017 von Julia Otterbein in Kategorie "Mama-Burnout

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