Um dieses Thema machen viele Eltern – bewusst oder unbewusst – einen großen Bogen und genau deshalb ist es so wichtig.In diesem Blogartikel geht es mir überhaupt nicht um das Anklagen oder das Urteilen über gute oder schlechte Eltern. Wer mich kennt, weiß das. Ich möchte einen ehrlichen Blick auf das lenken, das fast alle von uns kennen: Momente, in denen wir unseren Kindern gegenüber nicht so reagiert haben, wie wir es uns gewünscht hätten.

Bevor es losgeht, will ich dir gleich zu Beginn zwei wichtige Sätze mitgeben:

Friedvolle Elternschaft bedeutet nicht, perfekt zu sein.
Friedvolle Elternschaft bedeutet, wach, reflektiert und bereit zur Wiederverbindung zu sein.

Podcast-Episode S2/E3
Gewalt in der Elternschaft – Grauzonen, innere Not und ehrliche Fragen

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Was ist eigentlich Gewalt?

Das Wort Gewalt klingt natürlich groß, hart und erstmal ziemlich eindeutig. In der Realität ist es aber oft alles andere als das. Wenn wir über Gewalt in der Elternschaft sprechen, lohnt sich ein Blick auf drei verschiedene Ebenen:

  • Körperliche Gewalt – der Klaps auf den Po, das Festhalten gegen den Willen des Kindes, das Schütteln. Die Momente, die sich am leichtesten erkennen und benennen lassen.
  • Verbale und emotionale Gewalt – Anschreien, Beschämen, Abwerten, Drohen, Liebesentzug. Oft weniger sichtbar, aber genauso prägend.
  • Strukturelle Gewalt – das Machtgefälle, das Eltern gegenüber Kindern immer haben, ob sie es wollen oder nicht. Noch keine Schuld, aber eine Verantwortung, derer wir uns bewusst sein dürfen.

Absicht und Wirkung sind nicht dasselbe

Gewaltvolles Handeln, egal in welcher Form, kann tief verletzen, auch ohne böse Absicht. Auch wenn du es nicht so gemeint hast, macht es die (seelische) Verletzung für dein Kind nicht weniger real. Und trotzdem: Viele Eltern greifen nicht absichtsvoll zu gewaltvollen Maßnahmen, sondern sind einfach überfordert. Das ist ein wichtiger Unterschied und gleichzeitig natürlich kein Freifahrtsschein. Einen genaueren Blick auf das eigenen Handeln zu werfen und die Zusammenhänge zu erkennen, ist ein wichtiger & ehrlicher Anfang.

Die Grauzonen, die wir alle kennen

In diesem Abschnitt will ich dir ein paar Dinge nennen, die im Familienalltag immer mal wieder passieren. Das sind nicht die großen Dramen oder extreme Ereignisse, aber gerade durch ein wiederholtes Erleben können sie Spuren bei deinem Kind hinterlassen:

  • Laut werden – nicht weil du böse bist, sondern weil etwas in dir gerade explodiert und sich einen Weg nach draußen sucht.
  • Festhalten – wenn das Kind weglaufen will und es gerade gefährlich ist, oder wenn du einfach nicht mehr weißt, was du sonst tun sollst.
  • Drohen – „Dann gehe ich jetzt.“, „Dann kriegst du das nicht mehr.“, „Wenn du das noch einmal machst…“
  • Beschämen – „Jetzt reiß dich doch mal zusammen.“, „Stell dich nicht so an.“, „Dein Bruder macht das doch auch nicht.“
  • Ignorieren – weggehen, alleine lassen. Nicht, um bewusst zu strafen, sondern weil gerade nichts mehr geht.

Meine Aufzählung soll in dir keine Schwere oder Schuldgefühle erzeugen. Aber wir können nur das verändern, was uns bewusst ist – und dafür müssen wir hinsehen, auch wenn es schwerfällt.

Was passiert in mir, kurz bevor ich so handle? Was war auf dem Weg dahin?

Was dein Nervensystem damit zu tun hat

Wenn dein Nervensystem im Alarmzustand ist (im Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsmodus), verengt sich dein Blick und dein Handlungsspielraum. Du kannst dann nicht mehr auf das zurückgreifen, was du als verantwortungsbewusstes Elternteil eigentlich weißt. In solchen Stressmomenten greifst du auf das zurück, was in dir geprägt ist – auf das, was du gelernt hast, damals, als du selbst noch ein Kind warst.

Gewalt in solchen Momenten ist kein Charakterproblem, sondern ein Ausdruck von Not.

Und trotzdem, das ist mir wichtig zu ergänzen: Erklären ist nicht entschuldigen. Zu verstehen, warum etwas passiert, macht es für dein Kind nicht weniger schlimm. Aber es versetzt dich in die Lage, dass du Verantwortung übernehmen kannst, statt in Schuld und Scham zu versinken.

Von der Schuld zur Verantwortung

Schuld und Scham sagen dir: Ich bin schlecht.
Verantwortung sagt: Ich schaue hin und entscheide, was ich damit tue.

Das ist ein wichtiger Unterschied, der dich zurück in die Handlungsfähigkeit bringt.

Ich höre oft den Wunsch: „Ich will nie wieder so reagieren.“ Das verstehe ich gut und trotzdem glaube ich, dass das der falsche Ansatzpunkt ist. Wenn wir fragen, wie wir gewaltvolles Handeln um jeden Preis verhindern, kämpfen wir gegen uns selbst. Das erzeugt mehr Druck, mehr Angst, mehr Anspannung – und das reguliert kein Nervensystem. Nicht deins und nicht das deines Kindes.

Fragen, die wirklich weiterhelfen

Hilfreicher sind andere Fragen, die du dir mit Wohlwollen und ohne Bewertung stellen kannst:

  • Woran merke ich frühzeitig, dass ich an meine Grenze komme?
  • Was brauche ich – nicht mein Kind, nicht die Situation –, um handlungsfähig zu bleiben?

Ich kenne meine persönlichen Signale mittlerweile ganz gut: wenn sich etwas in mir zusammenzieht, wenn mir der Atem stockt, wenn meine innere Stimme schon schärfer wird, bevor ich überhaupt etwas sage. Das gelingt mir nicht immer. Aber öfter als früher. Und darauf bin ich stolz, denn es hat mich einige (innere) Arbeit gekostet – aber es hat sich eben auch gelohnt.

Zwei Personen von hinten, die Köpfe aneinandergelehnt, blicken gemeinsam über eine grüne Flusslandschaft

Du musst nicht perfekt sein. Aber du kannst genau hinschauen. Und das ist der Anfang von Veränderung.

Friedvolle Elternschaft beginnt nicht da, wo nichts passiert – sondern da, wo wir genauer hinschauen.

Wenn du merken möchtest, wie sich diese inneren Signale bei dir ganz konkret anfühlen, findest du in meinem kostenfreien Minikurs kleine, körperorientierte Übungen, die dir helfen können, wieder mehr mit dir in Kontakt zu kommen. So kannst du die ersten Schritt gehen, um deine Warnsignale früher zu erkennen, bevor daraus etwas wird, das dich hinterher belastet. Hier geht es zum Minikurs.

Und wenn du merkst, dass du dir für deine Herausforderungen im Familienalltag persönliche Begleitung wünschst: In einem kostenfreien Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam, was du gerade brauchst und wie ich dich dabei begleiten kann.

Ausblick auf die nächste Podcastfolge: Mit Christin spreche ich über schützende Gewalt, Grenzen als Fürsorge, Selbstempathie und darüber wie eine Wiederverbinung mit dem eigenen Kind gelingen kann. Christin ist ebenfalls FREL®-Coacht und außerdem Trainerin für gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg arbeitet.

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