Spätestens im Oktober begegnet uns das Wort wieder an jeder Ecke: Hygge. Es steht auf Kissenbezügen, Kerzen und Kaffeebechern, und in Prospekten liegen Strickdecken über perfekt ausgeleuchteten Sofas. Ich wohne nur ein paar Kilometer von der dänischen Grenze entfernt und mag Hygge wirklich sehr. Je öfter ich es allerdings neben einem Preisschild lese, desto stärker wird mein Eindruck, dass dabei etwas verloren geht.

Bei der Vermarktung von Hygge bleiben die Werte dahinter auf der Strecke. Übrig bleiben Konsum und die Illusion, man könne sich ein entspanntes Leben mit ein bisschen Deko nach Hause holen. Ruhe lässt sich aber nicht dadurch erzeugen, dass du dir irgendeinen Dekogestand ins Regal.

Wenn es hyggelig aussieht und sich trotzdem nicht so anfühlt

Vielleicht kennst du solche Abende: Die Kerzen brennen, die Decke liegt bereit. Und trotzdem rattert im Kopf schon die Liste für morgen, dein Körper ist angespannt, und als die Kinder sich um das letzte Kissen streiten, ist deine Geduld sofort aufgebraucht.

Die Dinge, die dich im Außen umgeben, können durchaus zur Entspannung beitragen, das will ich gar nicht kleinreden. Aber nur weil alles hyggelig perfekt aussieht, ist dein Nervensystem noch lange nicht entspannt. Es orientiert sich an ganz anderen Fragen: Wartet noch etwas, das erledigt werden muss? Darf ich hier sein, mit allem, was in mir los ist? Müsste ich nicht eigentlich noch …..? *Bling* Morgen ist ja Elternabend und ich muss noch das Protokoll vom letzten Mal fertigschreiben…

Für mich steht Hygge nicht nur für eine äußere entspannte Atmosphäre sondern auch einen inneren Zustand von Wärme, Nähe und das Gefühl, jetzt gerade nichts tun zu müssen. Für unser Nervensystem ist das ein Signal von Sicherheit, und diese Sicherheit entsteht vor allem durch die Erlaubnis, mir Zeit für diesen Moment der Entspannung und Verbindung zu schenken.

Kerzen können trotzdem helfen

Ganz ohne Licht und Atmosphäre geht es bei uns allerdings auch nicht. Im Herbst spielen Kerzen und sanfte Beleuchtung eine wichtige Rolle, und das hat viel mit unserem Körper zu tun.

Helles, kaltes Deckenlicht (und natürlich auch das blaue Licht von Bildschirmgeräten) hält uns wach und in Bereitschaft. Warmes, gedämpftes Licht bietet dem Nervensystem weniger Reize, die es verarbeiten muss, und es zeigt dem Körper, dass der Tag sich dem Ende zuneigt. Wenn draußen schon gegen fünf die Dunkelheit kommt, kann eine Kerze auf dem Tisch ein leises, einladendes Zeichen sein, langsamer zu werden.

Dieses Zeichen allein reicht allerdings nicht. Der Körper braucht auch Zeit & Raum, ihm zu folgen.

Den Kalender nicht zu voll werden lassen

Bei uns zu Hause hat Hygge deshalb auch viel mit dem Kalender zu tun. Ich versuche vor allen Dingen am Wochenende, Doppeltermine zu vermeiden. Und auch unter Woche möchte ich nicht jeden Abend mit Terminen verplanen – die Tage sind in der Regel trubelig genug.

Hygge bedeutet auch, nicht auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Lieber widmen ich mich bewusst einer einzigen Sache und nehmen mir genug Zeit dafür. Auf dem Papier sieht so ein Wochenende dann vielleicht etwas unspektakulär aus. Für das Nervensystem ist es aber eine Wohltat, wenn hinter der einen Sache nicht schon die nächste wartet.

Woran du merkst, dass die Ruhe angekommen ist

Ob ein Abend wirklich hyggelig ist, erkennst du also nicht an der Einrichtung, sondern am Zustand deines Körpers. Die Atmung wird tiefer und im Gesicht oder im Nacken löst sich etwas, das du vorher vielleicht gar nicht bemerkt hattest. Die Gedanken kommen zwar vielleicht nicht sofort zur Ruhe, aber mit einem Zettel & Stift in deiner Nähe (bitte nicht das Handy!) kannst du dringende & wichtige Gedankenblitze einfach notieren und dich ihnen dann morgen zuwenden.

Wenn dir nach der “Landung” auf dem Sofa erstmal die Augen zufallen, dann gib diesem Impuls einfach kurz nach und sieh ihn als Zeichen dafür, dass z.B. eine Grenze erreicht ist, oder als Einladung, ein bisschen mehr mit deinem Inneren in Kontakt zu kommen.

Entdeckt im dänischen Ferienhaus

Ein solches zur Ruhe kommen, ermöglicht dir auch wieder in eine bewusste Haltung von Präsenz zu kommen. Und dann entsteht auch wieder Lust auf das Miteinander bei einem Gesellschaftsspiel. Die Handys kommen in die Handygarage und ihr könnt die Zeit miteinander störungsfrei genießen.

Manchmal zeigt sich Ruhe auch darin, dass niemand mehr reden muss. Anna Hupe hat mir im Podcast von ihren Jahren in Finnland erzählt. Mit ihren finnischen Freundinnen saß sie oft einfach auf dem Spielplatz. Sie schauten den Kindern zu und schwiegen viel, und von diesen Treffen ging Anna jedes Mal ausgeruht nach Hause. Streng genommen ist Hygge eine dänische Tradition, und in Finnland würde man es so nicht sagen. Für mich gehört dieses gemeinsame Schweigen aber zum selben Gefühl: Hier kann ich sein, ohne etwas leisten zu müssen.

Für dein nächstes Wochenende

Vielleicht hast du Lust auf ein kleines (Gedanken-) Experiment. Versuch dabei die kritischen, inneren Stimmen mal auf “Mute” zu stellen

Was würde sich an deinem nächsten Wochenende verändern, wenn ihr euch nur eine einzige Sache pro Tag vornehmt?

Schließ gerne deine Augen und male dir aus, was dadurch möglich wird, wenn der Kalender und die ToDo-Liste mal für einen Tag fast ganz leer sind. Keine Sorge: Die ToDo-Liste läuft ja nicht weg, sondern verbringt einfach mal eine kleine Auszeit in der Schublade 😉

Drei Hygge-Abende im November

Genau diesem Gefühl möchte ich im November Raum geben. An drei Donnerstagabenden (5., 12. und 19. November) treffen wir uns jeweils von 20 bis 21 Uhr online zum Hygge-Herbst. Du musst dort nichts erzählen, wenn dir nicht danach ist, und auch nichts mitschreiben. Es reicht, wenn du da bist und spürst, was sich in dir regt.

Wenn du magst, findest du hier alle Infos und die Anmeldung: https://familywithlove.de/hygge-herbst

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