Neulich abends habe ich einen Blogartikel von Sarah-Marie gelesen, in dem sie von einer Autofahrt Richtung Nordseeküste mit ihrer Freundin Kati erzählt. Die beiden reden über Sprachmemos, und Kati erwähnt nebenbei, dass sie die immer auf ganz normaler Geschwindigkeit hört. Sarah Marie, die das selbst ganz anders macht, fragt nach: Wenn die normale Geschwindigkeit des Lebens 1,0x wäre – in welcher Geschwindigkeit lebst du gerade? Kati überlegt kurz und sagt: „Mein Bauchgefühl sagt: so bei 0,7x.“

0,7. Unter der Normalgeschwindigkeit. Sarah Marie musste sich das Lachen verkneifen, weil weniger als 1,0 für sie überhaupt keine denkbare Option als Antwort auf die Frage war. Und auch ich habe beim Lesen kurz innegehalten. Vielleicht kennst du das: Du läufst gefühlt auf 1,8-facher Geschwindigkeit, obwohl du eigentlich nur bei 1,0 sein möchtest. Genau um dieses Tempo geht es mir hier und um die Frage, was es mit unseren Familien macht.

Podcast-Episode S2/E5
Slow Family – warum weniger Tempo mehr Beziehung ermöglicht

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Was „Slow Family“ für mich nicht ist

Das Thema Tempo begleitet mich schon lange in meiner Arbeit mit Familien, und ein Buch hat mir dafür vor einigen Jahren einen Namen gegeben: Slow Family von Julia Dibbern und Nicola Schmidt. Ich möchte es hier gar nicht im Detail vorstellen, sondern teilen, welche Haltung ich darin für mich gefunden habe.

Und dafür fange ich mit dem an, was ich damit ausdrücklich nicht meine. Denn ich kenne dieses Gefühl sehr gut, wenn man von so einem Konzept hört: Oh, schon wieder etwas, das toll klingt und von dem ich meilenweit entfernt bin. Slow Family ist kein Aufruf zum Landleben (auch wenn ich persönlich es selbst sehr genieße). Es ist kein romantisches Bild von Kindern, die barfuß über die Wiese laufen, während die Mama Brot backt. Kein Verzichtsprogramm, kein Bildschirmverbot, kein „Andere schaffen das doch auch“. Wenn du in der Stadt wohnst, einen stressigen Job hast und wenig Unterstützung um dich herum, dann lies bitte trotzdem weiter.

Für mich ist Slow Family ein bewusstes Neu-Ausrichten auf das, was uns als Familie wirklich tragen kann. Und diese Ausrichtung zeigt nach innen: zu dir, zu deinem Nervensystem und zu dem, was du brauchst, um präsent sein zu können. Am Anfang steht deshalb die ehrliche Frage: Wem folgt eigentlich mein Tempo? Meinem Kalender, den Erwartungen von außen, dem Gefühl, mithalten zu müssen? Oder meinem eigenen Rhythmus und dem, was meine Kinder und ich gerade brauchen?

Und auch ich selbst muss zugeben: Ich folge öfter meinem Kalender als mir selbst. Ich vermute, damit bin ich nicht allein…

Was unsere Kinder eigentlich über das Leben lernen

Beziehung braucht Zeit, und sie braucht innere Verfügbarkeit. Du kannst neben deinem Kind auf dem Sofa sitzen und gleichzeitig mit deinen Gedanken bei der Einkaufsliste, der Mail von vorhin oder dem nächsten Termin sein. Kinder spüren das. Sie regulieren sich nicht an unseren Regeln, sondern an unserer Präsenz. Genau diese Präsenz ist auch das Herzstück im FREL®-Coaching: weniger die Frage, was wir tun, als die Frage, wie wir bei uns sind, während wir es tun.

Mich beschäftigt dabei immer wieder, was unsere Kinder eigentlich über das Leben lernen, wenn sie uns beobachten. Leben wir ihnen vor, dass es immer Programm geben muss, immer Entertainment, immer den nächsten Reiz. Dann schlussfolgern sie womöglich, dass Stille unangenehm ist und Langeweile ein Problem, das man schnell loswerden muss.

Was ich meinen Kindern stattdessen wünsche, halte ich für eine der wichtigsten Fähigkeiten in dieser Zeit: sich der Aufmerksamkeitsökonomie entziehen zu können. Mit sich selbst zu sein und dabei zufrieden, auch wenn gerade nichts Großes, Sichtbares oder Aufregendes passiert. Als Erwachsene lernt man das nur schwer, wenn man es als Kind nie erlebt hat. Es wächst in ruhigen Momenten, im freien Spiel, im Leerlauf. Und es braucht uns als Fundament: möglichst präsente Eltern, die auch auf kleine Signale ihrer Kinder antworten können. Perfekt müssen wir dafür nicht sein.

Gelbe Bäume im Hochsommer

Beschleunigung erzeugt Stress. Stehen wir dauerhaft unter Druck, bleibt unser Nervensystem in einem Aktivierungszustand, der eigentlich für kurze Gefahrenmomente gedacht war. Auf Dauer heißt das: weniger Empathie, weniger Spielraum – für uns und für unsere Kinder. Das ist nicht deine Schuld, das ist schlicht Biologie. Aber es ist etwas, das sich verändern lässt, wenn wir wissen, wo wir anfangen können. Wenn du tiefer einsteigen magst, was im Nervensystem dabei passiert, findest du mehr dazu in meinem Artikel Dein Nervensystem: Die Grundlage friedvoller Elternschaft.

Freies Spiel und Zeit draußen in der Natur sind eine wunderbare Nervensystempflege, für Kinder genauso wie für uns. Und Langeweile ist ein Raum, in dem sich das Nervensystem erholen darf. Sie muss nicht sofort gefüllt werden.

In Sarah-Maries Artikel habe ich noch ein zweites Bild gefunden, das mich nachdenklich gemacht hat. Auf der Fahrt durch Deutschland, Anfang August, schaut sie aus dem Autofenster: Die Bäume sind gelblich und matt, es sieht aus wie Herbst, mitten im Hochsommer. Sinngemäß schreibt sie, das komme daher, dass das Tempo zu hoch war, zu wenig Regen kam, Wachstum und Stille nicht in Balance waren.

Ich finde, das beschreibt ziemlich genau, was Dauerstress mit uns macht. Uns geht die Kraft aus, mitten in der lebendigsten Phase unseres oft viel zu vollgestopften Familienlebens. Und wir fallen ein Stück weit aus dem natürlichen Rhythmus des Lebens.

Slow Media: meine Haltung zu Smartphones und Social Media

Für mich gehört zu „Slow Family“ inzwischen untrennbar ein Thema dazu, das viele Eltern sowieso umtreibt: Smartphones und Mediennutzung. Ich sage gleich dazu, dass ich hier meine persönliche, fachlich begründete Haltung teile, gewachsen aus Erfahrung, Recherche und Überzeugung.

Medien wirken direkt auf unser Nervensystem, auf unsere Aufmerksamkeit und auf die innere Stille, die gar nicht erst entstehen kann, wenn wir uns ständig beschallen lassen. Die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Smartphone ist deshalb in meinen Augen weniger eine technische als eine entwicklungspsychologische und eine, die unsere Beziehungen betrifft.

Denk noch mal an den Temporegler vom Anfang. Sprachmemos, Podcasts, Videos. Vieles lässt sich auf 1,5- oder 2-facher Geschwindigkeit abspielen, und viele von uns machen das inzwischen fast automatisch. Ich auch, manchmal. Das ist also kein Vorwurf, aber ein ziemlich konkretes Bild dafür, wie wir gesellschaftlich mit Tempo umgehen: Wir packen mehr in weniger Zeit und gewöhnen uns daran, dass das normal ist.

Was passiert aber mit einem Kind, das in einer Welt aufwächst, in der alles schneller, höher aufgelöst und sofort verfügbar ist? Ein Kind, das noch kein inneres Gleichgewicht hat und keine gelebte Erfahrung von Langsamkeit? Ein Kind, das ständig Reize verarbeitet, ist überlastet. Und ein überlastetes Nervensystem kann sich nicht selbst regulieren, es braucht jemanden, der es co-reguliert. Jemanden, der selbst geerdet ist.

Gleichzeitig sind digitale Medien nun mal da. Sie gehören zu der Welt, in der unsere Kinder groß werden. Deshalb braucht es eine klare Haltung, die schützt, wo Schutz nötig ist, und Kinder in einen verantwortungsvollen Umgang hineinwachsen lässt. Meine sieht so aus:

  • Kein Kind unter 14 Jahren braucht ein eigenes, mobil nutzbares Smartphone. Den Umgang mit smarten Geräten kann man natürlich früher einüben – in aktiver Begleitung von Erwachsenen, als gemeinsames Erlebnis und nicht als Belohnung oder Beruhigungsmittel.
  • Social Media würde ich frühestens ab 16 Jahren freigeben. Wer sich dort bewegen will, ohne Schaden zu nehmen, braucht einen gesunden Umgang mit Vergleich und ständiger Bewertung, einen möglichst stabilen Selbstwert, eine gute emotionale Regulation und auch Wissen über Marketingstrategien und eine politische Grundbildung. Seien wir ehrlich: Einiges davon haben viele Erwachsene nicht einmal in ausreichendem Maß.

Smarte Geräte sind nicht grundsätzlich böse. Aber Kinder haben bis zu einem gewissen Alter eine noch unreife Selbstregulation, die Reizdichte der Bildschirmmedien ist hoch, und viele Apps sind so, wie sie gerade gebaut sind, für Kinder schlicht nicht geeignet! Es geht mir dabei nicht um wahllose Kontrolle. Beziehung und innere Reife sind für mich die Voraussetzung, und wir brauchen als Eltern mit unseren Kindern Zeit, um dieses Fundament zu legen. Kinder sollten wissen, dass sie jenseits von Likes wertvoll sind, damit sie später hoffentlich gut durch diese Welt navigieren können.

Ergänzend zu „Slow Family“ nenne ich diese Haltung deshalb Slow Media: bewusst, begrenzt und begleitet. Digitale Medien als Werkzeug statt als Dauerbegleiter. Das Problem ist weniger das Gerät selbst als das Tempo, mit dem wir uns von ihm durch den Alltag treiben lassen.

Im Familienalltag kann das ganz unspektakulär aussehen:

  • Am Wochenende gemeinsam einen Film schauen und danach darüber reden – meine Kinder haben machmal im Anschluss sogar Szenen daraus nachgespielt und so verarbeitet.
  • Medienfreie Zeiten, die einen gesunden Rhythmus ermöglichen, und nicht punktuell als Strafe eingesetzt werden.
  • Als Erwachsene mit gutem Beispiel vorangehen (und z.B. die Sprachmemos zukünftig auf ganz normaler Geschwindigkeit hören)

Vielleicht ist das gar kein schlechter Anfang. Wie es mir selbst mit bewusst weniger Bildschirmzeit ging, habe ich übrigens in diesem Blogartikel festgehalten.

Veränderungen zu gestalten, ist eine Herausforderung

Ich weiß, wie anstrengend das in der Umsetzung sein kann. Besonders, wenn man Dinge bisher anders gehandhabt hat, oder wenn man von etwas erfährt und merkt: Jetzt muss ich doch mehr regeln, um meine Kinder zu schützen. Nicht jede Familie hat dieselben Ressourcen, dieselbe Unterstützung, dieselbe Energie am Ende eines langen Tages. Manchmal scheint da das Tablet für die Kinder die einzige Verschnaufpause zu sein, die einer Mutter noch bleibt. Und manchmal ist man abends einfach zu erschöpft, um noch eine bewusste Entscheidung zu treffen.

Deshalb möchte ich hier kein weiteres Ideal aufbauen, hinter dem wir herhecheln. Mir geht es um eine Richtung und darum, uns selbst beim Hineinwachsen in diese Haltung mit Mitgefühl zu begegnen. Niemand ist perfekt, und niemand muss es sein. Eine klare Haltung für das Wohl unserer Kinder in einer ziemlich nervensystemunfreundlichen Umgebung können wir trotzdem entwickeln.

Schritt für Schritt, mit Geduld, für unsere Kinder und für uns selbst.

Auf welcher Einstellung steht dein Temporegler gerade?

„Slow Family“ beginnt nicht damit, dass sofort alles anders wird. Es beginnt damit, dass wir bemerken, wie es gerade ist. Vielleicht magst du dir dafür einen Moment nehmen und diesen Fragen nachspüren:

  • Wie geht mein eigenes Nervensystem mit Reizen um und was braucht es?
  • Wo darf es langsamer werden, auch für mich als Mutter?
  • Was möchte ich meinem Kind im Umgang mit Medien und Tempo vorleben?

Und selbst wenn wir den Regler immer wieder bewusst herunterdrehen: Er wird sich wahrscheinlich auch von allein wieder hochstellen. Wir leben nicht im luftleeren Raum und können nicht alle Einflüsse von unseren Familien fernhalten. Aber jedes Mal, wenn wir merken, dass sich das Karussell schneller dreht, als es uns guttut, können wir gegensteuern.

Medienkompetenz ist am Ende nicht die Fähigkeit, von klein auf alles nutzen zu können, sondern vielleicht eher die innere Freiheit, es auch lassen zu können.
Julia Otterbein

Wenn du spürst, dass dein eigenes Tempo gerade zu hoch ist und du einen sanften Einstieg suchst, wieder mehr bei dir anzukommen: In meinem kostenfreien Minikurs findest du kleine körperorientierte Übungen für den Alltag, ganz ohne Perfektionsanspruch. Hier geht’s zum Minikurs – für 0 €.
Und wenn du dir persönliche Begleitung wünschst, lass uns gern in einem kostenfreien Kennenlerngespräch schauen, was du gerade brauchst und wie ich dich dabei unterstützen kann.

Teile diesen Beitrag