Absichtslosigkeit war für mich in der Ausbildung zum FREL®-Coach ein völlig neuer Begriff – und lange auch einer, der mich verunsichert hat. Als ich in dieser Podcastfolge mit meiner Ausbildungskollegin Marina Greinwald darüber sprach, wurde schnell klar: Wir beide sind diesem Wort aus ziemlich unterschiedlichen Richtungen begegnet.

Für mich stand am Anfang eine Definition. Aus meinem Studium habe ich einen Satz mitgenommen, der für mich bis heute zur Absichtslosigkeit gehört: „Die Störung hat Vorrang.“ Wenn im Raum etwas ist, das gerade nicht ins ursprüngliche Konzept passt – ein Gefühl, ein Gedanke, eine Ablenkung – dann ist genau das oft ein hilfreicher Aspekt auf dem Weg zur Lösung. Nicht das, was auf dem Zettel stand, sondern das, was sich gerade zeigt.

Absichtslosigkeit bedeutet für mich also: kein vorgefertigtes Rezept, kein „so machst du das richtig“, sondern der volle Fokus auf das, was jetzt gerade zwischen zwei Menschen entsteht. Es gibt nicht die Absichtslosigkeit, so wenig wie es den einen Coaching-Prozess gibt – manchmal braucht ein Gespräch mehr Führung, manchmal mehr Raum, mehr Zurücknehmen.

Absichtslosigkeit als Wachstumsmöglichkeit

Für Marina war Absichtslosigkeit fast ihr Lieblingswort in unserem Gespräch – und gleichzeitig ihr großes persönliches Thema, an dem sie bis heute immer wieder reflektiert. Sie erzählte, dass sie anfangs regelrecht unsicher damit war: Als Mensch, der gerne hilft und gerne ein sichtbares Ergebnis sieht, fiel es ihr schwer, genau das loszulassen.

Besonders eindrücklich fand ich, was Marina über Coaching-Marketing sagte: Sie selbst hat schon oft Angebote gebucht, die mit klaren Versprechen warben – „so gehst du raus, das wirst du erreichen“ – und wurde davon oft enttäuscht. Genau deshalb ist Absichtslosigkeit für sie zu einem so wichtigen Wort geworden: das Ergebnis nicht mehr zu versprechen, sondern zuzulassen, dass ein Prozess nachschwingen darf, manchmal lange über ein einzelnes Gespräch hinaus.

Marina beschrieb außerdem, dass gerade die Feedbacks, die sie am meisten überrascht haben, mit „weniger zu tun“ hatten – nicht mit einer Methode, die sie eingesetzt hatte, sondern mit ihrer Haltung, ihrem Dasein. „Weniger ist mehr“, brachte sie es auf den Punkt.

Weniger ist mehr

Im Gespräch trafen sich unsere beiden Zugänge – meine eher konzeptionelle Definition und Marinas sehr persönliche, manchmal unsichere Beziehung zu diesem Wort – in einer gemeinsamen Erkenntnis: Absichtslosigkeit heißt, weniger zu wollen und dadurch mehr Raum zu geben. Nicht zu wissen, wohin der Weg führt, und genau das auszuhalten. Als Coach wird die eigene Rolle dabei kleiner, aber nicht unbedeutender: da sein, Raum halten, Ausdruck ermöglichen. Das allein ist oft sehr viel wert, mehr als jede Methode.

Ausprobieren

Nimm dir für ein Gespräch mit deinem Kind oder Partner heute bewusst vor, es ganz ohne festes Ziel zu führen. Keine Lösung im Kopf, kein „ich will, dass am Ende X dabei rauskommt“ – sondern einfach zuhören und schauen, wohin es sich entwickelt. Beobachte danach, wie sich das für dich angefühlt hat.

Reflexionsfrage

Wo in deinem Alltag klammerst du dich an ein bestimmtes Ergebnis – und was wäre möglich, wenn du dieses eine Mal loslassen könntest?

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