Gegenwartsorientierung greift vieles auf, was mir schon beim Thema Präsenz wichtig geworden ist – und ist einer von drei Begriffen, dem ich mich zusammen mit Marina Greinwald im Podcastgespräch angenähert habe. Dabei hat sich gezeigt, wie unterschiedlich wir beide zu einem ähnlichen Bild gefunden haben.
Marina brachte ihre Perspektive als Yoga-Lehrerin ein: Für sie ist Gegenwartsorientierung eng mit ihrem Unterricht verwoben. Ihr Wunsch für ihre Teilnehmer:innen ist, dass sie irgendwann während der Stunde auf der Matte spüren: Ich bin jetzt ganz da. Kein „was kommt als Nächstes“, kein Nachdenken über vorher – einfach nur den Körper spüren, den Atem spüren. Für sie ist Gegenwartsorientierung ganz konkret: einmal tief einatmen, langsam wieder ausatmen, sich bewusst und langsam im eigenen Raum umschauen (eine einfache Regulationsübung, die du immer wieder zwischendurch machen kannst).
Aus diesem Gedanken heraus sagte Marina einen Satz, der bei mir sofort ein Bild auslöste: Wir sind meistens von einem Zuviel umgeben und bräuchten eigentlich viel mehr ein Weniger.
Dieses Weniger, dachte ich in dem Moment, könnte eine ganz kleine Insel sein.
Mitten in einem Meer aus Eindrücken, Gedanken, Terminen.
Nur groß genug für eine Palme und deine beiden Füße.
Auf diese Insel zu treten heißt: für einen Moment aus dem Meer auszusteigen und dich mit festem Boden zu verbinden – was beim Schwimmen ja gar nicht möglich ist. Diese kleine, feste Stelle ist die Gegenwart. Das Hier – das Jetzt – dieser eine Atemzug.
Als ich Marina von diesem Bild erzählte, waren wir uns schnell einig: Genau solche Bilder, die im Sprechen miteinander spontan entstehen, lassen sich viel leichter merken und in den Alltag mitnehmen als ein abstraktes Konzept.
Ein Bein bleibt immer im Jetzt
Gerade wenn ein Coaching-Gespräch sich einer belastenden Erinnerung oder einem schweren Gefühl zuwendet, ist Gegenwartsorientierung kein Widerspruch dazu, sondern ihre notwendige Ergänzung. Ein Bein steht dann im Hier und Jetzt, während das andere sich dem Erlebten annähern darf. Der Raum zwischen zwei Menschen im Coaching wird selbst zur Ressource: ein Ort, an dem man sich immer wieder bewusst machen kann – „Wir sind hier.“
Das gilt auch für das Ende eines Coachings. Es geht nicht nur darum, den Prozess zu reflektieren oder sich die Strategien für ein nächstes Mal zurechtzulegen, sondern auch darum zu fragen: Wie geht es mir im Hier und Jetzt mit dem, was ich erfahren und über mich gelernt habe? Wie kann ich das für mich integieren und gestärkt in meinen Alltag weitergehen?
Ausprobieren
Egal, wo du gerade bist, während du das liest: Schau dich einmal ganz bewusst und langsam in deiner Umgebung um, wie Marina es vorschlägt. Lass deinen Blick nach oben und unten, nach rechts und links wandern. Drehe deinen Kopf dabei aktiv. Atme einmal tief ein und lass die Luft langsam wieder entweichen. Das ist deine kleine Insel – jederzeit erreichbar.
Reflexionsfrage
Wie könnte deine eigene kleine Insel im Alltag aussehen? Wann hast du sie zuletzt betreten? Und wie kannst du dich selbst daran erinnern?
