Es gibt diese Momente, in denen deine Stimme lauter wird, als du eigentlich wolltest. In denen du dein Kind zurückreißt oder anschnauzt – und du danach spürst, wie sich etwas in dir zusammenzieht. War das jetzt noch okay? Oder hätte ich das auch anders lösen können?
Im letzten Blogartikel habe ich über die Grauzonen und die innere Not geschrieben, die uns manchmal zu Mitteln greifen lässt, die wir eigentlich gar nicht wollen. In der aktuellen Podcastfolge gehe ich mit Christin Wander einen Schritt weiter. Sie ist FREL®-Coach-Kollegin und Trainerin für gewaltfreie Kommunikation (GfK), und mit ihr schaue ich mir an, was das für den Alltag mit Kindern konkret bedeutet: Was ist eigentlich schützende Macht und wo hört sie auf, schützend zu sein? Wie kommst du mitten im Trubel wieder bei dir an, bevor du mit deinem Kind sprichst? Und warum lohnt es sich, nach einer schwierigen Situation noch mal mit deinem Kind zu sprechen, auch wenn du deinen Ausrutscher am liebsten einfach vergessen würdest?
Podcast-Episode S2/E4
Scheitern, Selbstempathie & Wiederverbindung
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Weitere InformationenWer ist Christin?

Christin Wander ist FREL®-Coach-Kollegin und Trainerin für gewaltfreie Kommunikation (GfK). Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Karlsruhe.
Über die Volkshochschulen Rastatt und Karlsruhe bietet sie Einführungskurse in die GfK sowie Übungsgruppen an, in denen man das Gelernte regelmäßig weiter üben und so nach und nach in die Haltung der GfK hineinwachsen kann.
Mehr über ihre Arbeit findest du auf christin-wander.de, auf Instagram unter @christin.friedvoll.leben.
„Ich hab ja auch Bedürfnisse“
Für Christin ist GfK vor allem eine Haltung: ein Weg, in Verbindung zu kommen. Mit den eigenen Kindern, dem Partner, KollegInnen. Vor allem aber: mit sich selbst. Als sie ihre erste Tochter bekam, hatte sie sich intensiv mit bedürfnisorientierter Erziehung beschäftigt und die Bedürfnisse ihres Kindes schnell erkannt. Ihr erster GfK-Workshop hat dann etwas anderes freigelegt: die Erkenntnis, dass sie selbst auch Bedürfnisse hat und wie riesig die Vielfalt davon eigentlich ist.
Das ist ein Gedanke, den ich selbst schon vor einiger Zeit in einem Blogartikel aufgegriffen habe: Bedürfnisorientierung gilt auch für Mütter. Viele Eltern verstehen erst im späteren Verlauf ihrer Elternschaft, dass es eben nicht nur um die Bedürfnisse der Kinder geht, sondern die eigene Selbstregulation mitentscheidet, wie viel Raum wir überhaupt haben, unser Kind in einer stressigen Situation zu begleiten. Wenn ich selbst nicht bei mir bin, kann ich mein Kind auch nicht gut begleiten.
In jeder Familie treffen natürlich mehrere Bedürfnisse gleichzeitig aufeinander – die der Kinder, die eigenen, die des Partners. Die Kunst liegt darin, sie an einen Tisch zu bringen und gemeinsame Strategien zu finden. Und dabei überraschen Kinder oft: Wenn sie merken, dass ihre Bedürfnisse ernst genommen werden und man offen mit ihnen ins Gespräch geht, kommen sie mit Lösungen, auf die Erwachsene allein nie gekommen wären.
Schützende Macht – und wo sie aufhört, schützend zu sein
Marshall Rosenberg, der Begründer der GfK, spricht vom Konzept der schützenden Macht. Als Eltern hat man Kindern gegenüber automatisch eine Machtposition – man ist größer, älter, überblickt Lebenszusammenhänge, die ein Kind noch nicht kennen kann. Die Frage ist, wie bewusst man sich dieser Macht ist und was man mit ihr macht.
Christins Beispiel in unserem Gespräch ist das Kind, das an einer belebten Straße plötzlich loslaufen will. Man hält es fest – das ist schützende Macht in Aktion. Entscheidend ist aber, was danach passiert. Wenn das Kind wütend ist und sich losreißen will, kann man ihm trotzdem zugestehen: „Das findest du jetzt doof, dass ich dich festhalte. Das darf so sein.“ Man sieht, was das Kind eigentlich wollte, und bleibt trotzdem in der Verantwortung. Was dagegen häufig passiert, ist der Vorwurf hinterher: „Ich hab dir doch schon fünfmal gesagt, du sollst nicht auf die Straße rennen.“ Das ist verbale Gewalt im Nachgang. Das Kind hat aber nicht absichtlich gehandelt, sondern vielleicht einfach etwas Interessantes auf der anderen Seite gesehen.
Ähnliches gilt, wenn Kinder ein notwendiges Medikament nehmen müssen oder beim abendlichen Zähneputzen: Nicht das „Ob“ steht zur Diskussion, sondern das „Wie“. Bei der Zahnbürste, dem Ort, der Reihenfolge darf kreativ verhandelt werden – aber dass geputzt wird, ist als Eltern-Verantwortung klar.
Woran erkennt man im Nachhinein, ob man gerade geschützt oder tatsächlich übergriffig gehandelt hat? Christins Antwort ist denkbar einfach: „Wenn ich merke, dass ich mich selbst unwohl fühle oder mir Gedanken mache: War das jetzt gut oder nicht? – dann lohnt es sich, noch mal hinzuschauen.“ Und dazu gehört auch, dem Kind ehrlich zu begegnen: Wir sind nicht perfekt, wir machen Fehler, und wir dürfen sie wiedergutmachen. Kinder, die ein scheinbar perfektes Elternteil haben, haben es damit nach Christins Erfahrung eher schwerer, weil ihnen das Vorbild fehlt, wie man mit den eigenen Unzulänglichkeiten umgeht.
Scheiter heiter
Der Umgang mit Fehlern ist eine Kompetenz, die man lernen kann – auch als Erwachsene. Ein geschätzter GfK-Kollege von Christin, Frank Noé, bringt es mit einem einfachen Reim auf den Punkt: „Scheiter heiter.“ Jedes Scheitern ein Stück weit zu feiern heißt für sie, es als Ausgangspunkt zu nehmen: Was kann ich daraus lernen? Wie komme ich mit meinem Gegenüber wieder ins Gespräch? Wie drücke ich mein Bedauern aus? Genau dieses Gespräch danach, sagt Christin, sorgt oft für eine noch tiefere Verbindung, als es vorher da war.
Und dazu gehört auch, milde mit sich selbst zu sein. Wir schreien nicht, weil wir unseren Kindern schaden wollen, sondern weil wir überfordert sind, anders geprägt wurden oder unser Nervensystem gerade überreizt ist. Mit einer guten Freundin, die von einem Fehler erzählt, würde man ja auch nicht ins Gericht gehen, sondern würde sie in den Arm nehmen. Genau diese Haltung dürfen wir auch uns selbst gegenüber einnehmen, ohne dabei die Verantwortung dafür abzugeben, dass sich solche Situationen möglichst nicht wiederholen. Ein Patentrezept dafür gibt es nicht: Jede Familie ist unterschiedlich, hat unterschiedliche Bedürfnisse und darf ihren eigenen Weg finden.
Selbstempathie vor Fremdempathie
Eine der zentralen Haltungen, die Christin aus der Gewaltfreien Kommunikation für sich mitgenommen hat: Selbstempathie kommt vor Fremdempathie. Wenn sie merkt, dass bei ihrem Kind gerade ein Wutanfall losfegt und gleichzeitig ihr eigenes Herz schneller schlägt, ist der erste Schritt nicht das Kind, sondern sie selbst: erst mal atmen, erst mal bei sich bleiben. „Wenn ich in meiner Kraft stehe, kann ich meinen Kindern helfen. Wenn ich selbst am Limit bin, kann ich niemandem mehr helfen.“
Praktisch heißt das für sie, im Moment wahrzunehmen, was im eigenen Körper passiert: das Herzrasen, das Schwitzen, das Gefühl, dass gerade zu viel gleichzeitig ansteht. Schon dieses Wahrnehmen allein bringt Entspannung, weil dahinter die eigenen Bedürfnisse sichtbar werden: Klarheit, Struktur, Unterstützung. Zwei körperliche Anker helfen ihr dabei besonders: die Hand aufs Herz, also auf den Brustraum legen, und der bewusste Kontakt der Füße zum Boden.Barfuß oder in Socken lässt sich der Unterschied zwischen kühlen Fliesen und wärmerem Holz spüren, und genau dieses Spüren holt dich zurück in den Körper.
Wichtig ist dabei: Das ist kein Quick Fix. Diese kleinen Anker bringen einen nicht sofort in einen völlig entspannten Zustand, aber in einen Bereich, in dem man wieder handlungsfähig wird und eine erste Entscheidung treffen kann – zum Beispiel den Herd auszuschalten, bevor man sich dem Wutanfall des Kindes zuwendet. Und auch das sollte man nicht zu einem neuen Perfektionsanspruch machen: Nur weil man die Übungen kennt, heißt das nicht, dass man ab jetzt immer reguliert ist. Das ist auch gar nicht nötig, denn manche Anspannung im Nervensystem ist im Alltag ja auch richtig und wichtig.
Danach wieder zueinander finden
Kinder spüren sehr genau, wenn sich etwas nicht gut angefühlt hat – wenn wir geschrien oder geschimpft haben. Sprechen wir das hinterher nicht an, lernen sie: So redet man eben mit Kindern. Ein Muster, das sich still weitergibt, bis in die nächste Generation. Gehen wir dagegen noch mal hin und sagen: „Ich habe dich vorhin angeschimpft, das fühlt sich für mich nicht richtig an“ – ohne die Verantwortung abzugeben, aber mit einer ehrlichen Erklärung, warum es so weit gekommen ist –, dann versteht das Kind etwas Entscheidendes: Es trägt keine Schuld daran, dass die Mutter überreagiert hat. Genau dieses Gefühl, verantwortlich für die Gefühle anderer zu sein, tragen Christins Erfahrung nach viele Frauen selbst noch in sich. Und ein ehrliches Nachgespräch kann deshalb diesen Kreislauf für die nächste Generation unterbrechen.
Das gilt auch außerhalb akuter Konflikte: als Vorbild zu zeigen, dass auch Erwachsene überfordert sind und es auch sein dürfen. Statt die eigene Erschöpfung zu verstecken, bis die Kinder schlafen, offen zu sagen: „Ich bin heute wirklich fix und fertig – lass uns etwas ruhiges finden, das wir zusammen machen können.“ Kinder lernen dadurch Perspektivwechsel: dass es der Mutter mal anders geht als ihnen selbst, ohne dass sie sich dafür ein eigenes Gedankenkonstrukt zurechtlegen müssen. Und manchmal führt genau das zu den kleinen Sternstunden des Familienlebens: wenn ein Kind von selbst fragt: „Mama, geht’s dir grad nicht gut?“
Seid milde mit euch und bleibt dran. Gebt nicht auf und ihr werdet euren Weg finden.
Christin Wander
Danke, liebe Christin, für unser Gespräch und deine Impulse.
Christin bietet regelmäßig Einführungskurse und Übungsgruppen zur gewaltfreien Kommunikation an, und in praktisch jeder größeren Stadt gibt es GfK-Netzwerke oder -Tage, an denen man reinschnuppern kann.
Und bei mir gibt es einen kostenfreien Minikurs mit kleinen körperorientierten Übungen – kleine Anker für den Alltag, ganz ohne Druck, ganz ohne Perfektionsanspruch. Hier geht’s zum Minikurs – für 0 €
